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Schussablauf

 

Schussablauf? Ganz klar: Hinstellen - Pfeil rein - Bogen hoch - ziehen - zielen - Pfeil loslassen - fertig. Das sind 7 Schritte, genügt doch, oder?

Als ich erstmals meinen Schussablauf niedergeschrieben habe, hat er sich von obigen nur unwesentlich unterschieden. Unser Trainer hat aber darauf bestanden, den Schussablauf detailliert zu Papier zu bringen. Er hatte absolut Recht dies zu fordern. Warum, möchte ich euch auf dieser Seite mitteilen.

In den Schussablauf fließt alles ein, was ihr an Training aufgewendet habt, eure technische Stärken und Schwächen sowie Gefühle und mentale Motivation. Aber erst einmal der Reihe nach.

Kennt ihr das: ihr bereitet euch auf einen Schuss vor, um euch herum unterhalten sich die anderen Schützen. Ihr legt den Pfeil ein und während ihr in die Vorspannung geht, wird langsam alles um euch herum ausgeblendet. Jetzt gibt es nur noch euch und den Bogen. Ihr macht euren Schuss fertig und nach dem Nachhalten kommt die Welt um euch herum zurück. Ein perfekter Schuss. Und jetzt stellt euch hin, ohne Bogen, schließt die Augen und macht den Schuss im Geiste. Wenn ihr in der Lage seid, den Schuss so durchzuführen, dass ihr die gleichen Empfindungen wie beim realen Schuss habt, habt ihr schon einen großen Schritt gemacht. HJ Schellenbach, Autor im Bogensport-Magazin spricht vom "inneren Kino", also davon, reale Bewegungen im Geiste durchzuführen, sich selbst und den Bogen sehen und spüren zu können. Bloß wie erreiche ich das?

Es geht erst einmal darum, euer Tun zu verbalisieren, sprich (schriftlich) formulieren zu können. Den größten Lerneffekt erhaltet ihr, wenn ihr Gehörtes niederschreibt und dann wieder lest. Aber Vorsicht, hier steckt der Teufel wirklich im Detail. Unser Gefühl für Sprache macht uns sehr anfällig für  Botschaften, die sich im Text verstecken können.

Beispiel gefällig? Nehmen wir einen Teil des Schussablaufs heraus, Teile der Vorspannung:

ich hebe den Arm

meine Schulter soll nicht nach oben

ich will die Finger der Zughand geschlossen halten

"ich hebe den Arm": welchen Arm? Die Aussage ist also nicht präzise. Besser wäre hier: "ich hebe den Arm meiner Bogenhand", noch besser jedoch: "ich hebe den Unterarm meiner Bogenhand".

"meine Schulter soll nicht nach oben". Der Vorsatz ist schon löblich, nur kennt unser Unterbewusstsein das Wort "nein" nicht. Wichtig ist, dass der Schuss unterbewusst abläuft, also muss unserm Unterbewusstsein der Schuss in "dessen Sprache" verständlich gemacht werden. Es muss erreicht werden, sämtliche Elemente des Schussablaufs positiv zu formulieren: "Meine Bogenschulter bleibt tief" oder "Meine Bogenschulter ist tief". Hier ist jedoch Vorsicht geboten, denn ein "ist" kann als falsche Annahme interpretiert werden. Ich gehe also davon aus, dass meine Bogenschulter tief ist, obwohl sie es gar nicht ist.

"ich will die Finger der Zughand geschlossen halten": zunächst ist daran nichts auszusetzen. Was haltet ihr davon "ich werde die Finger der Zughand geschlossen halten." Klingt doch schon nachhaltiger.

 

Als Basis für den Schussablauf, schlage ich die 11 Elemente des Schussablaufs vor, der beginnend von der VÜL-Ausbildung den Schützen und Trainern an die Hand gegeben wird:

Vorarbeit       Stand

                         Fingerplatzierung

                         Griff

                         Vorspannung

                         Vollauszug

                         Ankern

 

Endzug          Zielen

                         Ziehen

                         Klicker

                         Lösen

Nachhalten    Nachhalten

Nun geht es darum, die 11 Elemente mit euren Abläufen zu füllen. Wichtig ist, dass ihr versteht, dass der Schussablauf nicht etwas ist, das einmal und für alle Zeit der gleiche sein wird. Ihr verändert euch, damit euer Stil und dann zwangsläufig auch euer Schussablauf. Ihr habt auch die Möglichkeit durch entsprechende Formulierung Elemente besonders hervorzuheben, die momentan eurer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen.

Bogenschießen hat für mich allerdings etwas, was den ganzen Schützen, also Körper und Geist einbezieht. Deshalb habe ich euch nachfolgend meinen Schussablauf in 3 verschiedene Rubriken unterteilt: Tätigkeit, Haptik (fühlen) und Absichten.

 

Vorarbeit        Stand

                                             meine Füße sind parallel zur Schießlinie

                                             meine Füße sind schulterbreit auseinander

                                             mein Stand ist parallel

                                             mein rechter Fuß ist nahe der Schießlinie

                                             ich stehe gerade

                                             ich werde meinen Rücken strecken

                                             ich beuge mich leicht nach vorne

                                             mein Schwerpunkt ist über meinem Fußballen

                                             ich spüre die Körperspannung von den Waden bis zum Rücken

                         Fingerplatzierung

                                             ich lege den Bogen mit dem unteren Wurfarm an meinen rechten Oberschenkel

                                             ich lasse den Bogen nach rechts wegkippen

                                             ich nehme den Pfeil aus dem Köcher

                                             ich hebe mit dem Zeigefinger der Bogenhand den Klicker an

                                             ich schiebe den Pfeil durch den Klicker

                                             ich lege den Pfeil auf die Pfeilauflage

                                             ich drehe den Pfeil so, dass die Markierung auf der Nocke nach oben zeigt

                                             ich nocke den Pfeil zwischen den Nockpunkten ein

                                             ich drehe meinen Kopf zur Scheibe

                                             ich werde meine Kopf leicht in den Nacken legen

                                             ich richte meinen Bogen Richtung meiner Scheibe

                                             ich lege meine Tab an den Bogen

                                             die Aussparung des Leder des Tabs liegt an der Unterseite des unteren Nockpunkts

                                             ich schließe die Finger meiner Zughand zu einer stabilen Kralle

                                             ich spanne den Bogen leicht

                                             ich fühle, wie die Sehne zwischen das erste und zweite Fingerglied gleitet

                         Griff

                                             ich fühle, wie meine Bogenhand in die Griffschale gleitet

                                             ich fühle das Holz der Griffschale

                                             die lasse die Finger meiner Bogenhand entspannt

                                             der Bogen liegt zwischen dem Daumen und Zeigefinger meiner Bogenhand

                         Vorspannung

                                             ich beuge meinen Oberkörper leicht nach vorne Richtung meiner Scheibe

                                             die Spitze meines Monostabis berührt den Boden

                                             mein Becken ist waagrecht

                                             beide Schultern sind tief

                                             der Arm meiner Bogenhand ist gestreckt

                                             ich drehe den Ellbogen meiner Bogenhand nach außen

                                             ich spanne den Bogen, bis meine Zughand auf Höhe meiner rechten Schulter ist

                                             der Ellbogen meiner Zughand ist auf Höhe meiner rechten Schulter

                                             ich schaue ins Gold

                                             ich richte meinen Oberkörper auf

                                             ich hebe den Unterarm meiner Bogenhand bis der Daumen meiner Zughand das Kinn berührt

                                             ich lasse meine Bogenschulter tief

                                             ich werde den Druck im Bogenarm konstant lassen

                                             die Finger meiner Zughand umfassen die Sehne

                         Vollauszug

                                             ich schaue ins Gold

                                             ich ziehe den Bogen weiter

                                             ich werde meine Bogenschulter weiterhin tief lassen

                                             die Ankerplatte meines Tabs berührt mein Kinn

                                             mein Tab gleitet mit der Ankerplatte an der Unterseite meines Kinns entlang

                                             der Druck im Bogenarm bleibt konstant

                         Ankern

                                             ich schaue ins Gold

                                             ich werde meinen Kopf weiterhin leicht im Nacken haben

                                             der Sehne kommt meinem Gesicht entgegen

                                             die Sehne berührt mein Kinn

                                             die Sehne berührt meine Nasenspitze

                                             meine Zughand ist senkrecht

                                             die Finger meiner Zughand umfassen fest die Sehne

                                             ich spüre, wie ich den Tab fest gegen mein Kinn drücke

                                             ich halte die Spannung aller Muskeln aufrecht

 

Endzug          Zielen

                                             ich sehe nur noch die Mitte des Goldes

                                             Zielbildkorrektur

                         Ziehen

                                             meine Bogenhand schiebt den Bogen ins Gold

                                             meine Bogenschulter ist tief

                                             der Ellbogen meiner Zughand geht

                                             GOLD

                                             ich ziehe entschlossen bis der Klicker kommt

                         Klicker

                         Lösen

                                             die Finger meiner Zughand entspannen sich

                                             die Finger meiner Bogenhand sind entspannt

                                             ich schaue ins Gold

                                             die Zughand gleitet am Hals entlang

                                             die Finger meiner Zughand sind entspannt

Nachhalten    Nachhalten

                                             ich schaue ins Gold

                                             ich werde den Bogenarm oben lassen

                                             ich lasse den Bogen aus meiner Hand springen

                                             der Bogen tippt beim Abkippen auf meinen Oberschenkel

                                             ich spüre des letzten Schusses

                                             ich analysiere den letzten Schuss

                                             

Wie ihr seht, achte ich momentan sehr auf die tiefe Bogenschulter. Trotzdem wird dieser Schussablauf nächstes Jahr wohl ganz anders aussehen.

Insgesamt hat mein Schussablauf momentan 76 Elemente. Dies zeigt, wie komplex der Bewegungsablauf beim Bogenschießen ist. 76 Elemente, das heißt ich hätte 1,9 * 10 hoch 111 Möglichkeiten meinen Schuss zu variieren, eine Zahl mit 111 Stellen - irre.

In der Hoffnung, dass ihr auch nicht alle Varianten ausprobieren müsst, wünsche ich euch viel Erfolg beim Erstellen eures Schussablaufs. Druckt ihn aus und legt ihn in euren Bogenkoffer. Wenn ihr beim Training merkt, dass irgendetwas nicht passt, holt ihn heraus und seht nach.